Museum Abteiberg

ANNE-MIE VAN KERCKHOVEN
"What would I do in Orbit?"
13. November 2016 - 26. Februar 2017

 

Eröffnung: Sonntag,13. November, 12 Uhr

Pressevorbesichtigung: Donnerstag, 10. November, 11 Uhr

Das Einwirken von Medialisierung und Digitalisierung, Technologie und Wissenschaft, Vorstellungswelten von künstlicher Intelligenz auf unser heutiges Ego ist sehr früh von der belgischen Künstlerin, Performerin und Musikerin Anne-Mie Van Kerckhoven (*1951) thematisiert worden. Rund 40 Jahre umfasst inzwischen ihr multimediales Werk, in dem Selbstbetrachtung, komplexe interdisziplinäre Theorien, alte Mystik und neue Forschungsfelder zusammenkommen.

Es geht um eine Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein des Menschen des 20 Jahrhunderts, das bereits sehr früh durch die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Informationen unterwandert und manipuliert wird, so dass die Gegenwart als etwas erscheint, was sie nicht ist.
Es geht um das Un- und Unterbewussten, die Versenkung in das Innere des Denkens, in die Evolutionen dieses Denkens, ausgestülpt bzw. visualisiert durch Zeichnungen, Diagramme, bearbeitete Fotografien und Texte. Dabei wird eine allzu wenig bekannte Vorläuferschaft und Aktualität in der Ästhetik Van Kerckhovens sichtbar: Von Beginn an zeigt dieses Werk die parallele Existenz bzw. auch die Montagefähigkeit von analogen und digitalen künstlerischen Medien.
Die in Antwerpen lebende Künstlerin studierte in den 1970er Jahren Grafikdesign und beschäftigte sich parallel mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Theorien. Sie arbeitete dabei zunächst im Medium der Zeichnung – dem Medium, das sie damals mit dem Vorteil der leichten Kommunikationsfähigkeit und Multiplizierbarkeit/Verbreitung verband – und erweiterte es im Laufe der Jahre hin zu einem Instrument für multimediale, räumliche und filmische Darstellungen von Gedanken, Emotionen, Innenwelten. In den frühen 1980er Jahren begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Luc Steels und dessen Institute for Artificial Intelligence (Brüssel, heute Paris), wodurch Bildsprachen bestimmend wurden, die durch wissenschaftliche Bildverfahren geprägt sind: Diagramm, zeichnerische Animation, Text-Bild-Schema.

Der historische Beginn dieses künstlerischen Werks liegt in der Gegenkultur von Punk, Feminismus und einem generationstypischem Anti-Akademismus, der einerseits Pop- und Trash-Ästhetik, andererseits eine hochkomplexe Inhaltlichkeit und neue gedanklich-künstlerische Strukturen hervorbrachte:

„Zu dieser Zeit las ich gleichzeitig de Sade und Wittgenstein in Kombination mit Wissenschaftsmagazinen. Die Erklärung meiner Arbeit wurde zu einer zweiten Version meiner Arbeit. Und mein eigenes Gehirn wurde zum Gegenstand meiner Kunst. Die Impulse, die mich dazu brachten, Dinge zu tun, rückten ins Zentrum meines Interesses. Einfluss, Bestimmung, Schicksal, das Soziale, die Moral – alles, was das Handeln der Leute antreibt, wurde zu meiner Inspiration. Als Gegengewicht zu den Bildern begann ich damit, Bilder aus den Massenmedien zu verwenden. Ich sammelte jedes Magazin, das ich mir leisten konnte, und nutzte die ganze ‚Oberflächlichkeit’ dazu, um unter der Oberfläche nach Strukturen, Sparten und Systemen zu suchen.“
(aus: Anne-Mie Van Kerckhoven, Das Abstrakte ist keine sexuelle Stimulanz, 1995)

Das Werk von Anne-Mie Van Kerckhoven führt vom heutigen Phänomen exzessiver Selbstbetrachtung (omnipräsent u.a. im Medium der ‚Selfies’) zurück in die unsicheren Zustände des Denkens, gewissermaßen ‚unter die Oberfläche’ unserer Ideal- und Wunschportraits. In Van Kerckhovens ‚futuristischer’ Perspektive der 1970er und 80er Jahre – trashigen, gebrochenen, dennoch auf eine ‚Zukunft’ gerichteten Bildern (AMVK: Es waren „phantasies about the future“; erneute Rezeptionen der Sci Fi-Ästhetik der 1960 Jahre in den 1980er Jahren) – ergibt  sich eine interessante Beziehung zum Zukunftsbild in gegenwärtigen künstlerischen Bild- und Textwelten. Das titelgebende Zitat „What Would I Do in Orbit?“  ist Material aus Anne-Mie Van Kerckhovens Jugend in den 1960er Jahren (Montage oben: Brigitte Bardot im Flugzeug um 1964) und ihren künstlerischen Anfängen um 1980 (=Basic), worin sich Flucht- und Freiheitsvorstellungen mit Selbstbefragung waren (Werktitel war appellativ: „What Would  Y o u   Do....“, Ausstellungstitel reflexiv „What Would I Do...“).

Anne-Mie Van Kerckhoven realisiert im Museum Abteiberg eine Ausstellung mit eigenen Wänden und Bildhängestrukturen, die in voraussichtlich 12 Kapiteln (Ausdrucksebenen) Werke aus allen Werkphasen, ganz neue mit frühesten Arbeiten verbindet, dabei Malerei, Zeichnung, Collage, Materialien wie Plastik, Folien, fluoreszierende Farben, Kopiertechnik und Computeranimation zusammenbringt und jeweils eine filmische Animation ins Zentrum setzt. Der räumliche Aufbau wird zu einer abstrakten Installation des inneren Denkens. Im Rahmen der Ausstellung wird Anne-Mie Van Kerckhoven drei Bereiche ihrer Auseinandersetzung mit eingeladenen Gästen darstellen. Zusammen mit dem Performance-Künstler Danny Devos realisiert sie ein Konzert ihrer seit 1984 aktiven Performance-Band „Club Moral“. Der Neurowissenschaftler Luc Steels, Leiter des Institute for Artificial Intelligence, kommt zu einem Vortrag und interdisziplinären Gespräch, ebenso die belgische Feministin, Theoretikerin und Aktivistin Marthe van Dessel. Die Termine der Veranstaltungen werden in den kommenden Wochen bekanntgegeben.

Anne-Mie Van Kerckhoven stellte früh im ICC Antwerpen, im Künstlerhaus Hamburg oder auch im Los Angeles Museum of Art aus, zudem in vielen Galerien und Off-Spaces. Seit 2000 Einzelausstellungen u.a. Neuen Aachener Kunstverein NAK und Kunsthalle Bern (2004/05), WIELS in Brüssel (2008), Kunsthalle Nürnberg (2009), Renaissance Society in Chicago (2011), Kunstverein München (2015). 2006/07 lebte Van Kerckhoven für ein Jahr als Stipendiatin des DAAD in Berlin, 2008 Manifesta Trient/Rovereto/Bozen. Weitere Projekte 2016 u.a. Galerie Zeno X, Antwerpen, „Pseudo-Fourier“ bei Solo Shows, Sao Paulo, Brasilien, Biennale de Rennes.

Die Ausstellung wird realisiert in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Hannover (März – Mai 2017) und dem M HKA Antwerpen (Frühjahr 2018). Sie wurde ermöglicht durch eine großzügige Unterstützung der Vlaamse Gemeenschap, der Kunststiftung NRW und der Hans Fries-Stiftung.


Ausstellungsansicht
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 3 und 5
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 4 und 5
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 3 und Kapitel 2
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 3
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 3
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 3 und 8
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 3 und 8
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 8 und 9
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 9
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 8
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 8
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 11 und 10
Foto: Achim Kukulies


Principia Cybernetika: Alekto, Megaira, Tisiphone, 1991
darunter: On the Nature of Beauty, and the Constitution of the Intellects, 1993, Kapitel 7
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 10 und 6
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht, Kapitel 12
Foto: Achim Kukulies


= Basic, 1980, Installation, Kapitel 1
Foto: Uwe Riedel


Black Sun / White Sun, 1988, Acryl auf PVC, Kapitel 1
Foto: Uwe Riedel


Atman / Wombman, 1988, Collage und Malerei auf PVC-Schaumplatte,
Black Sun / White Sun, 1988, Acryl auf PVC, Kapitel 1
Foto: Uwe Riedel


Ausstellungsansicht, Kapitel 2
Foto: Achim Kukulies


Ausstellungsansicht (Graphisches Kabinett)
Foto: Achim Kukulies


What would I do in Orbit? 1964, Print, 2015


AMVK in KASKA, 1973
Foto: Hugo Roelandt

 


Deluff, Jacquard Teppich, 2016


In Spite of Complexity, Drawing, 2015


Our Stelliferous Era, Drawing, 2015


Stars Will Continue, Drawing, 2015


Santo/Santa, Painting, 1992


I'll rob you, 19b, Drawing, 2005


I'll rob you, 25b, Drawing, 2005


I'll rob you, 30b, Drawing, 2005


Attributen en Substantie, painting, 1993


Callas, painting, 1981


Independance, painting, 1981