Museum Abteiberg

EL NIÑO
„Gebt mir das Sommerloch“

9.8. - 6.9. 1998

Es war ein Jahrhundertereignis. El Niño („Der Knabe“ bzw. „Das Christkind“) , eine starke Erwärmung des Pazifikwassers vor der Küste Südamerikas wuchs 1997 zu Rekordgröße heran. Energie wurde in die Atmosphäre abgegeben. Auf dem halben Erdball spielten die Elemente verrückt. Mehr als zehn Meter hohe Wellen zertrümmerten die Villen am Strand von Malibu. Über Florida tobten Tornados. In Somalia überschwemmten sintflutartige Regenfälle die Dörfer. In Bolivien führte Dauerregen zu Erdrutschen. In Mittelamerika und dem Norden Brasiliens, aber auch in Indonesien kam es zu ungewöhnlicher Dürre, die zahlreiche Brände verursachte. Der Panamakanal musste für große Schiffe gesperrt werden. In Peru erreichte Coca-Cola ein Umsatzplus dank der Hitzewelle. In New Yorker Bars gibt es ihn als stark alkoholhaltigen Killerdrink und amerikanische Psychologen behandeln das „El-Niño-Syndrom“.

Nun liefert „El Niño“ auch noch den Titel für eine Sommeraccrochage im Museum Abteiberg. Wie das Wetter ist auch die neueste Kunst nicht mehr berechenbar. Sie fängt mit kleinen bösartigen Attacken an, liefert ungewöhnliche Ansichten und spottet jeder Beschreibung. Und das alles in einem gefährlichen Sommerloch. Dabei sehen die Exponate so aus, als hätte man sie schon hundertmal gesehen: Zeichnungen, Bilder, Objekte, Videos, Dias und Filme. Keiner weiß eigentlich, wie diese Ausstellung zustande kommt, da kein Budget dafür vorhanden ist. Sie muss auch nicht groß kuratiert werden, da sie sich wie von selbst zusammengebraut hat. Auf der Ausstellung waren meist aktuelle Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler zu sehen, die in den unterschiedlichsten Medien Katastrophen und fremde Situationen herbeizitierten. Dabei zeigte sich, dass sich die Bildsprache der jungen Generation (von 27 - 35 Jahren), abgesehen von der Situationskomik des Ausstellungsobjekts (Wohnseifer, Koohn), bevorzugt des Mittels der Erzählung bedient, die in Zeichnungen, Bildern, Arrangements, Fotografien und Videos neue Horizonte aufscheinen läßt.

Ralf Berger (Düsseldorf) zeigte eine neue Rauminstallation, bei der eine Schranke in eine in Betrieb befindliche Waschmaschine hineinragte und über ein Waschbecken autobiographische Momente erzählte. Lothar Hempel (Köln) erzählte mit seinem freistehenden gewaltigen Mädchenkopf „Tausend Jahre später“ eine ganz andere Geschichte. Sonja Alhäuser (Düsseldorf) kreierte Kunst in Schokolade. Während die Produkte im Museumsshop zu kaufen waren, war das Arbeitsgerät, ein Schokoladetauchbad, der Pool für einen Prinzen, der ab und zu aus der braunen Brühe auftauchte. An den Wänden vermittelten Zeichnungen von Thadäus Strode (Los Angeles), Stefan Thater (Hamburg) und Paul Klemann (Utrecht) das Bild einer schrillen, verrückten und fremden Welt. Der holländische Künstler etwa zeichnete seine eigenen Träume nach akkuraten schriftlichen Notizen. C.T. Wilcox (New York) ließ mit Fotos und einem 16mm-Film den Mythos von Tod und Begräbnis des ersten chinesischen Kaisers wiederauferstehen. John Bock (Berlin) machte im Ausstellungsraum eine Performance, die als Video Teil seiner Rauminstallation geworden war. Franz West (Wien) kontrollierte mit einer seiner ersten Collagen (1976) die heterosexuellen Beziehungen. Die spröden Gemälde von Katharina Wulff (Berlin) gaben wie die scheinbar eklektizistischen Zeichnungen und auf Jeansstoff gemalten Bilder von Rita Ackermann (New York) die eigene Befindlichkeit auf bedrohliche Weise wider. Die Stillleben und Porträts des Fotografen Ingolf Timpner (Düsseldorf) verbanden Eleganz subversiv mit hintergründiger Bizarrerie. Jonathan Meese (Hamburg) hatte ein Chaos-Kabinett aus Zeichnungen, Fotos, Postern und Schrift etc. kreiert, in dem die Siebziger Jahre auf groteske Weise zitiert wurden. Albert Oehlen (Las Palmas) bezweifelte mit seinem Riesensiebdruck den gesunden Zustand der Malerei, Gunther Reski (Berlin) führte mit einem Zeichnungsblock vor, wie dem Menschen z.B. Zungen aus den Augenhöhlen hängen könnten, Stefan Koohn bediente sich ironisch des McDonalds-Inventars in Form eines Wandteppichs und Petr Zubek (Düsseldorf) ließ mit seiner Videoinstallation Hände, Hemden und Kuscheltiere in surrealen Situationen auftreten.

Außerhalb des Ausstellungsraums sah man auf einem Bild von Markus Oehlen (Krefeld) inmitten einer grellen Farbstruktur el niño höchstpersönlich. Tom Simpson (Los Angeles) stellte den Postern einer Deutschlandtournee die Zeitungsmeldungen der Malheurs zuhause gegenüber, die in seiner Abwesenheit passiert sind. Heiner Schilling (Köln/Tokio) erzählte in seinen Fotografien von unwirklichen Räumen und Geschehnissen.

Ein kleiner Katalog mit Texten und Farbbabildungen zum Preis von 18,-DM erschien bis Ende September.